Neue Clubcommission zeigt, warum Berlins Clubs zu kämpfen haben
- Michele
- 07 September 2026, Montag
Eine neue Studie der Clubcommission untersucht, wie sich das Berliner Nachtleben und die Clubwirtschaft seit der Pandemie verändert haben. Warum fällt es Clubs zunehmend schwer, wirtschaftlich zu überleben, und was muss sich ändern, damit sie sich langfristig selbst tragen können? Die Antworten sind komplexer, als man vielleicht erwarten würde.
Clubcommission-Studie zeigt komplexe Herausforderungen für Berlins Clubs
Zum ersten Mal seit 2019 hat die Berliner Clubcommission eine neue Studie zur Berliner Clubkultur veröffentlicht. Sie untersucht, wie es um die weltweit bekannte Berliner Clubkultur steht. Die Studie betrachtet verschiedene Aspekte des Nachtlebens der Stadt. Dazu gehören die finanziellen Herausforderungen der Clubs, das veränderte Besucherverhalten und die Frage, was die Stadt unternimmt, um Berlins Nachtleben zu erhalten und zu fördern.
Die vorherige Studie hatte bereits eine Reihe wirtschaftlicher und struktureller Schwachstellen aufgezeigt. Seitdem haben sich diese Probleme weiter verschärft, nicht zuletzt durch die Pandemie. Gleichzeitig sind neue Herausforderungen hinzugekommen. Auch bestehende Probleme zeigen sich heute in anderer Form.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass sich die Einnahmestruktur der Clubs stark verändert hat. 2017 stammten noch rund 60 % der Einnahmen aus dem Verkauf von Getränken. Heute machen diese Einnahmen nur noch 20 % aus. Eintrittsgelder sind dagegen zum wichtigsten Einnahmefaktor geworden. Sie machen inzwischen 59 % der Einnahmen aus, im Vergleich zu 21 % vor neun Jahren.
Dieser zunehmende finanzielle Druck zwingt Clubs zum Ergreifen konkreter Maßnahmen. Mehr als die Hälfte hat die Preise für Getränke erhöht und fast die Hälfte hat die Eintrittspreise angehoben. Viele Clubs vermieten ihre Räumlichkeiten inzwischen häufiger für Veranstaltungen. Außerdem passen sie ihr Programm und ihre Öffnungszeiten an.
Auch das Verhalten der Besucher*innen hat sich verändert. Grundsätzlich bleibt die Nachfrage nach Nachtleben und Clubbesuchen hoch. Die meisten befragten Clubs und Veranstalter*innen erreichen mindestens die Hälfte ihrer Kapazität. Rund ein Drittel verzeichnet sogar eine Auslastung von mehr als 75 %. Gleichzeitig planen Besucher*innen ihre Abende bewusster. Mehr als die Hälfte bleibt nicht mehr so lange wie früher. Eine deutliche Mehrheit trinkt außerdem weniger. Dadurch geben Besucher*innen auch weniger Geld in Clubs aus.
Während Besucher*innen an verschiedenen Stellen sparen, bekommen Clubs die Auswirkungen direkt zu spüren. Die sinkende Kaufkraft zählt zu den wichtigsten finanziellen Belastungsfaktoren. Hinzu kommen steigende Personal- und Betriebskosten sowie hohe Mieten. Die meisten befragten Clubs geben an, dass dieser wirtschaftliche Druck sie dazu gezwungen hat, ihr Programm anzupassen.
Die Zahlen zeigen, dass der wirtschaftliche Druck zugenommen hat: 2025 konnten 61 % der Clubs ihre Kosten decken oder einen Gewinn erzielen. 2017 waren es noch 79 %.
Lösungen gibt es, doch strukturelle Veränderungen bleiben aus
Das Problem liegt also nicht darin, dass die Menschen nicht mehr ausgehen wollen. Vielmehr machen es die aktuellen Bedingungen für Clubs immer schwieriger, die weiterhin bestehende Nachfrage wirtschaftlich nachhaltig zu nutzen und das Nachtleben gleichzeitig für alle zugänglich zu halten.
Eintrittsgelder sind inzwischen die wichtigste Einnahmequelle der Clubs. Gleichzeitig sind sie zusammen mit anderen Maßnahmen, die den finanziellen Druck auf Besucher*innen erhöhen, Teil des Dilemmas: Was den Clubs hilft, ihre Einnahmen zu sichern, kann das Nachtleben für viele Menschen weniger zugänglich machen. Dadurch besteht die Gefahr, dass gerade die Communities, die Berlins Clubkultur seit jeher prägen, zunehmend verdrängt werden.
Ohne ausreichende strukturelle Unterstützung bleiben die Clubs weitgehend auf sich allein gestellt, obwohl sie mit einem viel größeren Problem konfrontiert sind. Fast alle Befragten sind daher der Ansicht, dass viele Clubs ohne strukturelle Verbesserungen langfristig um ihr Überleben kämpfen könnten.
Kai Sachse, Geschäftsführer von Clubcommission und Projektleiter der Studie, erklärt: „Ob die Berliner Clubkultur ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Potenziale auch künftig entfalten kann, entscheidet sich weniger auf dem Dancefloor als bei Fragen von Raum, Finanzierung und Planungssicherheit.“
Aber stehen diese Lösungen tatsächlich zur Verfügung? Laut den Befragten nicht in ausreichendem Maße. 74 % geben an, dass sie zunehmend auf öffentliche Mittel angewiesen sind. Gleichzeitig machen Zuschüsse nur 2 % ihrer Gesamteinnahmen aus. 23 % erwägen daher, ihren Betrieb innerhalb der nächsten zwölf Monate einzustellen. Seit 2020 haben außerdem bereits mindestens 24 Clubs und Veranstaltungsorte geschlossen.
Diese Realität zwingt Clubs dazu, sich anzupassen, neue Möglichkeiten zu suchen und ihre bisherigen Ansätze zu überdenken. Dadurch nimmt auch die Zusammenarbeit zu. Clubs arbeiten enger mit anderen kreativen Branchen, anderen Clubs, NGOs und Initiativen zusammen. Außerdem investieren sie stärker in ihre Teams, unter anderem durch mehr Diversität und zusätzliche Fortbildungen. Das sind wichtige Schritte. Sie können jedoch nur begrenzt etwas bewirken, solange die zugrunde liegenden strukturellen Herausforderungen bestehen bleiben.
Gibt es noch Hoffnung für Berlin?
Eine schwierige Frage, die sich viele stellen und die sich manche vielleicht nicht zu stellen trauen, ist, ob es noch Hoffnung für Berlin gibt. Glücklicherweise deutet eines der Ergebnisse der Studie darauf hin, dass es sie vielleicht doch gibt, obwohl die meisten Zahlen in die andere Richtung weisen.
Obwohl viele Clubs geschlossen haben, sind seit 2020 rund 25 neue hinzugekommen. Diese Zahl zeigt, dass Menschen weiterhin bereit sind, neue Clubs zu eröffnen und neue Konzepte auszuprobieren, obwohl sie wissen, wie schwierig die aktuelle Lage ist. Wir wissen nicht genau, welche Clubs in dieser Zahl enthalten sind und ob kleine, nichtkommerzielle Projekte mitgezählt wurden. Die tatsächliche Zahl könnte daher sogar noch höher liegen.
Die Szene steht also eindeutig unter Druck, ist aber noch lange nicht bereit aufzugeben. Menschen schaffen weiterhin neue Räume, experimentieren mit verschiedenen Ansätzen und finden Wege, die Clubkultur am Leben zu erhalten. Die Frage ist jedoch, wie lange das noch möglich ist, wenn die strukturelle Unterstützung fehlt, die notwendig ist, um diese Bemühungen langfristig tragfähig zu machen.
Die Clubcommission schließt ihre Studie mit mehreren Handlungsfeldern ab und nennt konkrete Maßnahmen, die notwendig sind, um Berlins Clubkultur zu schützen und die strukturellen Voraussetzungen für ihre langfristige Entwicklung zu schaffen, statt sie lediglich am Leben zu erhalten. Dafür braucht es zunächst mehr Raum. Gebäude und Räume in öffentlicher Hand sollten für Clubs und andere kulturelle Nutzungen zugänglich gemacht werden. Diesen Vorschlag unterstützen 86 % der Befragten.
Auch bei der Finanzierung sind langfristige Lösungen gefragt, die über kurzfristige Förderungen hinausgehen. Außerdem sollte die Politik Clubs offiziell als kulturelle Einrichtungen anerkennen. Das hätte wichtige Auswirkungen auf Bauvorschriften, Lärmschutz und den Zugang zu Fördermitteln. Der entsprechende Prozess läuft derzeit auf Bundesebene. Wie das endgültige Ergebnis aussehen wird, ist jedoch noch offen. Schließlich müssen auch die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dazu gehört beispielsweise eine bessere soziale Absicherung sowie die Entwicklung von Mindeststandards für faire Bezahlung.
Doch diese Diskussion hat noch eine andere Seite. Ein großer Teil der Berliner Clubkultur wird von Menschen am Leben erhalten, die ihre Zeit und ihre Fähigkeiten unentgeltlich einbringen. Das gilt besonders für Kollektive, Vereine und andere nichtkommerzielle Projekte. Menschen engagieren sich dort ehrenamtlich, weil sie an das glauben, was sie gemeinsam aufbauen möchten.Dafür sollten wir alle dankbar sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie nachhaltig dieses Modell auf lange Sicht ist. Berlins Clubkultur sollte nicht davon abhängen, dass Menschen bereit oder in der Lage sind, unbezahlt zu arbeiten. Wenn die Stadt ihre Clubkultur langfristig erhalten will, braucht sie sowohl Menschen, die bereit sind, sich einzubringen, als auch strukturelle Rahmenbedingungen, die ihnen das ermöglichen, ohne dass sie dafür dauerhaft ihre eigene Zeit und Energie opfern müssen.
Fazit: Berlins Nachtleben im Jahr 2026
Die neue Studie der Clubcommission zeigt viele Herausforderungen auf, die seit der Pandemie hinzugekommen sind. Gleichzeitig wird deutlich, wie viel schwieriger es für Clubs geworden ist, mit den bestehenden Problemen umzugehen. Die Auswirkungen spüren auch die Besucher*innen, die beim Ausgehen mit höheren Preisen und veränderten Bedingungen konfrontiert sind. Von den Clubs kann jedoch nicht erwartet werden, dass sie diese Probleme allein lösen. Viele der Herausforderungen sind struktureller Natur, und auch die Anpassungsmöglichkeiten der einzelnen Clubs sind begrenzt.
Deshalb muss die Politik genauer hinschauen und sich fragen, wofür sie tatsächlich investiert und welche Art von Stadt sie fördern will. Über Investitionen und Stadtentwicklung wird viel gesprochen. Doch nicht jede Investition macht Berlin automatisch zu einer besseren Stadt oder trägt zu dem bei, was Berlin ausmacht. Wenn die Menschen, die diese Stadt prägen, mehr Räume, Fördermittel und Unterstützung für die Kultur fordern, die sie selbst schaffen, sollte diesen Forderungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Denn in einer Stadt wie Berlin ist Kultur ein wichtiger Teil dessen, was die Stadt ausmacht und ein wesentlicher Teil dessen, was der Stadt ihren Charakter verleiht. Sie zieht Menschen aus aller Welt an, schafft Arbeitsplätze und trägt zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Die Underground-Szene wird vermutlich auch schwierige Zeiten überstehen, denn sie hat immer wieder Wege gefunden, sich neu zu organisieren und weiterzumachen. Doch wenn die Stadt ihre Clubkultur dauerhaft schwächt, bleiben die Folgen nicht auf die Clubs beschränkt. Sie betreffen die Menschen, die diese Szene tragen, ebenso wie die lokale Wirtschaft und letztlich das, was Berlin als Stadt einzigartig macht.
Wenn Berlin seine Kultur, seinen Charakter und die Menschen, die beides gestalten, bewahren will, muss die Stadt sie als etwas anerkennen, das es wert ist, geschützt zu werden.
Michele begeistert sich für Musik in den verschiedensten Formen, von Soulful House und Groovy Techno bis hin zu Alternative Rock, Dark Wave und vielem mehr. Mit Erfahrung in den Bereichen Produktion und Journalismus und einem wachsenden Interesse am DJing setzt sich Michele aus vielfältigen Perspektiven mit der Soundkultur auseinander. Zu den aktuellen Themen, die Michele interessieren, gehören Clubkultur, Musikentdeckung und -kuratierung, Tanz sowie die Auswirkungen von Musik auf Wahrnehmung und Gefühl. Michele schreibt auf Englisch.