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Tipps, um deine Kreativität beim Produzieren deiner Musik anzuregen

  • 14 Juli 2016, Donnerstag
Menschliches Gehirn grafisch dargestellt halb grau halb bunt

Hey, hier ist Olaf wieder, und ich werde Euch einen Einblick in meine Art der Ideenfindung geben.

Der Grund, weshalb wir manchmal diese kreative Frische in Denkprozessen verlieren, liegt in einem fundamentalen Naturprinzip begraben: Entropie. Entropie beschreibt den Grad der Unordnung in einem System, und steigt mit der Zeit von selbst an, wenn keine Energie von außen zugeführt wird. Das Selbe passiert in unseren Gehirnen, wenn wir in Routinen verfallen. Diese automatisierten Abläufe sind absolut wichtig für das Überleben - sie geben uns Stabilität und befreien uns von zuviel gerichteter Aufmerksamkeit. In kreativen Abläufen jedoch ist das nicht immer erwünscht und macht sich dort als Langeweile und Stagnation bemerkbar. Jetzt braucht man Einflüsse von außen, geistige Erfrischung - Fachbegriff: Inspiration.

Wahlfreiheit

Der wirklich einfachste Weg überraschende Resultate zu erzielen ist den Zufall zu nutzen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich die moderne Musik zu einem Punkt hinentwickelt, an dem es dem Zuhörer fast unmöglich wurde zu verstehen, weshalb der Komponist die Töne so anordnete, wie er es tat. Es schien keiner Logik mehr zu folgen. John Cage war einer derer, die daraus radikale Konsequenzen zogen, in dem er völlig zufällige Abläufe in seiner Musik verwendete - wer hätte den Unterschied auch gehört. Ich bin kein großer Fan von harmonisch (oder generell) zu unbestimmter Musik. Ein paar zufällige Töne sind allerdings ein paar Überraschungen.

Übung #1: Versuche, vier Töne zu spielen, die du nicht zu spielen beabsichtigst.

Das ist bereits schwieriger als man glaubt, und ich überlasse es dir, herauszufinden, wie das am besten geht (kleiner Hinweis: spiele nicht c, d, e, f ). Die Ergebnisse kannst du bereits als kleine Motive oder Melodien in deinen Tracks benutzen - egal, ob Lead- oder Baseline. Da die meisten Leser sicherlich eher populäre und zugängliche Musik machen wollen, ist es wichtig, nicht zu viele Töne zu verwenden. 3, 4 oder 5 verschiedene Töne definieren einen Akkord - 12 verschiedene Töne definieren fast gar nichts mehr, und das Ohr geht in totaler Freiheit verloren.

Übung #2:Spiele die Töne von Übung #1 als Akkord (alle 4 zusammen). Versuche nun diesen Klang möglichst genehm für dich klingen zu lassen, in dem du einzelne Töne oktavierst (eine Oktave nach oben oder unten verschieben).

Was du bis hier erschaffen hast ist ein harmonischer Kontext. Es wäre nun banal diesen Akkord mit der linken Hand auf dem Klavier zu spielen und mit der rechten die selben Töne als Melodie zu spielen (niemand belegt sich eine Pizza mit Brot). Besser ist, den Klang in zwei Hälften zu teilen und diesen "Hälften" nun verschiedene Aufgaben im Track zu geben. Zum Beispiel: Zwei Töne werden mit einem Pad-Sound gleichzeitig gespielt während die anderen beiden als kurzes melodisches Motiv darüber, oder als Baseline darunter gelegt werden.Wenn du nun Übungen #1 und #2 wiederholst, wirst du irgendwann einen zweiten Klang finden, der deinem Empfinden nach zum ersten Klang passt wenn du sie abwechselnd spielst. Wenn nicht, verschieben einen der beiden Klänge solange um einen Halbtonschritt bis es für dich funktioniert.

Als Instrumentalist finde ich es sehr wichtig diese Übungen per Hand zu machen, da sie ein gutes Training für das Spiel und die Improvisation sind. Darüber hinaus helfen sie zu verstehen, was zusammen funktioniert, und warum es das tut. Für diejenigen, die nicht geübt oder geduldig genug sind, gibt es Software die diese Dinge erledigt. Am 16. Juni haben wir "Time & Timbre 2.0" veröffentlicht - eine Max4Live Toolbox die mit verschiedenen Zufallsfunktionen ausgestattet ist. "TimeSTING" kann z.B. verschiedene Arten von Melodien als MIDI-Clips zufällig erzeugen. Die Arbeitsschritte aus den Übungen kannst du dann sehr einfach in Live machen.

Construction Time Again

Das Gegenteil zur Benutzung des Zufalls stellt die methodische Konstruktion dar. Dabei folgt man einer Bildungsregel, um etwas zu erzeugen. Die Ergebnisse sind oft von großer Klarheit, dabei gleichzeitig detailreich und sehr ästhetisch. Das Blatt einer Farnpflanze kann nach solch einfachen Regeln erzeugt werden.Eine Dur-Tonleiter zum Beispiel ist eine bestimmte Abfolge von 5 Ganz- und 2 Halbtonschritten (G, G, H, G, G, G, H). Wenn man diese Anordnung ändert, dann erhält ma andere Tonleitern. Einige davon sind seit Jahrhunderten in Benutzung - es sind die sog. Kirchentonleitern.Jetzt kannst du kreativ sein:

Übung #3:Wähle eine Note auf Deinem Instrument und spiele H, G, H, G, .... bist du eine Oktave höher angelangt bist. Hör dir diese Tonleiter ein paar mal an und genieße ihre merkwürdige Schönheit.

Übung #4:Wähle einen Anfangston und wiederhole G, G, H solange vollständig, bis du den Anfangston wieder erreicht hast. Was ist hier los?

Mit Akkorden kann man ähnlich vorgehen. Akkorde sind eine Kombination von Intervallen (C E G H = C E + G H = große Terz + große Terz)

Übung #5:Spiele eine Quinte mit deiner linken Hand und mit der rechten Hand ebenfalls eine Quinte, jedoch eine Oktave höher. Spiele beide Hände zusammen. Jetzt verringere die Distanz zwischen beiden Händen schrittweise um jeweils einen Halbton und hör dir die entstehenden Klänge an. Dann versuch das selbe mit anderen Intervallen pro Hand.

Rhythmen können folgendermaßen konstruiert werden:

Übung #6:Öffne einen MIDI-Clip und trage zwei Noten in die erste Takthälfte ein - irgendwo. Dann dupliziere diese erste Takthälfte (direkt hinter sich selbst kopieren) und verändere das Duplikat ein wenig (um eine 16-tel verschieben, umkehren, eine Note hinzufügen oder löschen etc.). Jetzt dupliziere den gesamten Takt und verändere erneut das Duplikat. Du hast jetzt einen 2-taktigen Loop.

Ich habe gezeigt wie du dir kleine Bausteine konstruieren kannst. Kombiniere diese Ideen zu größeren Strukturen. Du musst jedoch nicht unbedingt alle Methoden gleichzeitig anwenden.Der erste Track unsere EP "Time & Timbre" von 2015 ist ein gutes Beispiel für die Anwendung solcher Techniken. Hör dir diesen Ausschnitt an.Die Baseline bewegt sich ständig in der Halbton-Ganztonreihe aus Übung #3 in einem 3/8 Polyrhythmus über 4 Takte und wiederholt sich dann. Bei 1:35min kommen dann einfache Moll-Akkorde dazu, die in Ganztonschritten eine Oktave absteigen. Obwohl die Tonleiter der Baseline weder in Gänze mit Mollakkorden noch mit Ganztonleitern verwandt ist, funktionieren diese beiden Elemente wie von Zauberhand miteinander. Das geht deshalb, weil sie sich auf sehr besondere Weise zeitlich überschneiden, so dass die Berührungspunkte jeweils harmonieren. Das ist wie gesagt das Resultat methodischer Arbeit. Nur durch meine Hörgewohnheiten wäre ich darauf nicht gekommen.

Und nun viel Spaß beim Experimentieren!

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