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Wird der Musikjournalismus das digitale Zeitalter überstehen?

  • 13 September 2020, Sonntag
Piles of different magazines

Wie der Musikjournalismus unter der Digitalisierung der Industrie gelitten hat, ist ein weit weniger heiss diskutiertes Thema. Einem Bericht von BBC Radio 4 zufolge konnten Musikmagazine während ihrer Blütezeit in Grossbritannien Woche für Woche über eine Viertelmillion Exemplare absetzen. Heute werden noch magere 14’000 Exemplare pro Woche verkauft. Wie sieht die Zukunft des Musikjournalismus aus? Wird dieser überhaupt überleben können?

Viele Major-Labels und KünstlerInnen sind noch immer dabei, die Trümmer aufzuräumen, welche die Digitalisierung der Musikindustrie in den frühen 2000ern hinterlassen hat. Neben iTunes sind es Streamingdienste wie Spotify oder WiMP, die in die Bresche gesprungen sind, um zumindest einem Teil des Publikums eine komfortable und vor allem legale Alternative zu illegalen Downloads zu bieten. Obwohl dies ein Lichtblick und vielleicht gar die Wende im digitalen Musikvertrieb sein könnte, wird immer noch heftig über die Vergütungsmodelle für Künstler, Labels und Verleger diskutiert. Die Optimisten in der Debatte sind immer noch davon überzeugt, dass mit Streaming bald mehr Umsatz erzielt werden wird, als es mit Schallplatten und CDs während der goldenen Ära des physischen Vertriebs möglich war. Es wird sich zeigen, ob sich das bewahrheiten wird.

Geschichte

Der Aufstieg des Musikjournalismus in Grossbritannien begann in den frühen 60er Jahren. Musikhefte waren für die Fans die einzige Möglichkeit, um mehr über das Leben ihrer Lieblings-Popstars erfahren zu können. Ausserdem waren diese Magazine die beste Quelle, um neue Songs und die angesagtesten Acts zu entdecken. „Melody Maker“ war eine der ersten Publikationen und brachte mit Richard Williams den ersten berühmten Musikjournalisten Grossbritanniens hervor. Im Jahr 2000 fusionierte „Melody Maker“ mit dem „NME“ (New Musical Express), der damals grössten, wöchentlich erscheinenden Musik-Zeitschrift, just zu der Zeit also, als die ganze Industrie zu straucheln begann. Williams, der immer noch für seinen eigenen Blog schreibt, wurde neulich für die Sendung ‘Yesterday’s Papers: The End of the Music Press’ auf BBC Radio 4 interviewt. Im Gespräch zog er Parallelen zwischen seiner Arbeit für den „Melody Maker“ während seiner Blütezeit und der Arbeit an seinem Blog: Er könne noch immer auswählen, über welche KünstlerInnen er schreiben möchte. Das Internet gebe ihm die gleiche Freiheit - einfach ohne die Bezahlung von damals.

Jann Wenner gründete das Magazin „Rolling Stone“ im Jahr 1967 und ist heute noch immer als Chefredaktor tätig! Dabei ist der Nachrichtenteil, der früher u.a. vom legendären Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson geschrieben wurde, immer noch der Stolz des Magazins. Daneben publiziert „Rolling Stone“ auch Rezensionen und Industrienachrichten. Heute hagelt es jedoch immer mehr Kritik wegen der zweifelhaften Methoden, mit denen das Magazin Aufmerksamkeit für seine Frontseiten zu ergattern versucht. Es scheint, dass dies - nicht nur für Rolling Stone – die beinahe einzige Möglichkeit zu sein scheint, die Auflage zu erhöhen. Die Verkäufe von „Rolling Stone“ erreichten zynischerweise nur noch einmal Rekordzahlen: Im Jahr 2013 zierte ein kontroverses Bild des Boston Bombers das Cover des Magazins. David Hepworth, der die weiter oben erwähnte BBC Radio 4 Sendung moderierte, kritisierte auf der anderen Seite in seinem Blog neulich den Entscheid vom „NME“, nicht etwa einen aufstrebenden Act – wie es der Name des Magazins vermuten liesse – sondern Nick Cave auf der Frontseite zu featuren.

Neue Formate

Das Interessante an den sozialen Medien ist, dass sie den Fans einen intimen Einblick in das Privatleben ihrer LieblingsmusikerInnen gewähren. Etwas, das zuvor dem traditionellen Musikjournalismus vorbehalten war. Ausserdem lassen sich die neusten Trends und die angesagtesten KünstlerInnen immer häufiger zuerst auf Facebook, Twitter & Co finden. Im Grunde suchen Fans immer noch das Gleiche, nur die Methoden der Informationsbeschaffung haben sich verändert. Statt eine Woche auf die neuste Ausgabe seines Magazins warten zu müssen, erhält man jetzt dank Twitter und Facebook Informationen rund um die Uhr.

Wenn du wissen willst, was dein Lieblingspopstar am liebsten isst oder wen er gerade datet, musst du ihm nur auf Instagram folgen, denn die Musiker von heute sind die Journalisten ihrer eigenen Erlebnisse geworden. Für KünstlerInnen ist dies eine positive Entwicklung, da sie nicht mehr an ein grosses Marketing-Budget eines Labels gebunden sind. Mit einem guten Händchen kann man heutzutage seine Publicity selbst kontrollieren, indem man sich mit Facebook und YouTube die eigene Medienpräsenz schafft und selbst für einen Hype sorgen kann. Trotz dieser neuen Freiheit ist es nach wie vor immer noch sehr prestigeträchtig und wichtig, wenn man als Künstler in einem Musikmagazin wie z.B. dem NME stattfindet.

Fans können auch Journalisten sein: John Doran, Gründer des Online-Musikmagazins „The Quietus“, ist einer der professionellen Musikjournalisten, der sich den heutigen Begebenheiten gut angepasst hat. Er hat kürzlich bemerkt, dass in Chaträumen, Blogs und anderen interaktiven Plattformen im Internet “eine wirklich gute und clevere Debatte über Musik” stattfindet. Es gibt viele Musikseiten, die qualitativ hochstehende Inhalte anbieten. Darunter sind „xlr8r“ (ein Blog, der elektronische Musik präsentiert und aus einem Mix aus Podcasts, Rezensionen und downloads besteht) oder „I Love Music“ (ein Forum, in welchem User Musiknews und Rezensionen teilen). Dann gibt es auch noch den durch PayPal-Spenden finanzierten Blog „The Needle Drop“. Es handelt sich dabei um die Musikvideo-Rezensionsseite des selbsternannten “grössten Musiknerds des Internets”.

Von der journalistischen Qualität her lassen sich diese Seiten natürlich nicht mit einer Musik-Zeitschrift vergleichen. Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Viele Fans scheint das nicht gross zu kümmern, obwohl das professionelle Musikjournalisten und Magazine hart trifft, die sich gewohnt sind, bezahlt für etwas zu werden, was vielerorts gratis angeboten wird.

Ein gutes Beispiel, wie sich die Streaming-Industrie und der Musikjournalismus verflechten können, ist der Musikjournalist Rob Fitzpatrick, der dieser Tage für Spotify schreibt. Das Erstellen von Podcasts und Playlists wird bei Musikjournalisten immer beliebter und erlaubt ihnen so, Tastemaker zu bleiben und ihre Expertise an die Fans weiterzugeben, die bei den Millionen von Tracks auf Spotify Hilfe brauchen. Plattformen wie „Nordic Playlist“ bieten Nischenjournalismus und Tipps für ihre Follower und Subscriber. Sie laden Experten als Kuratoren für ihre wöchentlichen Playlists von nordischen KünstlerInnen ein, die dann auf Streaming-Plattformen wie Spotify, Deezer, oder WiMP angehört werden können.

Fazit

Fakt ist, dass diese neuen Methoden des Musikjournalismus kombiniert mit sozialen Medien und Streamingdiensten sehr oft aufregend und inspirierend sind, aber keineswegs die Einbusse an Verkäufen von Print-Publikationen wettmachen. Die Zahl der Leute, die Musikmagazine kaufen, ist drastisch eingebrochen. Die Digitalisierung stellt MusikerInnen und die Musikpresse vor ähnliche Herausforderungen: Die Fülle an gratis Online-Musik bzw. kostenlosen Informationsquellen hat es allen Beteiligten erschwert, über traditionelle Wege Geld zu verdienen. Aber vielleicht ist die Rolle des echten Musikjournalisten heutzutage wichtiger denn je, damit die Perlen aus dem Meer an Musik herausgesiebt werden können, wie Laura Nineham für „Drowned in Sound“ argumentiert.

Webseiten wie „Pitchfork“, „Line of Best Fit“ und „the 405“ verdienen noch immer viel Respekt für ihre Kommentare über die neuesten Releases, ohne dass sie versuchen, mit einem reisserischen Cover eine möglichst grosse Leserzahl anzulocken. Ein weiterer grosser Vorteil des Internets ist es, dass die Musikpresse keine weitere Hürde mehr zu sein braucht, welche MusikerInnen erst überwinden müssen (lies zu diesem Thema unseren Blog-Artikel „Was muss man tun, um in die Presse zu kommen“). Zudem müssen aufstrebende Musikjournalisten nicht mehr um einen der wenigen Arbeitsplätzen bei den grossen Publikationen kämpfen, sondern können auf eigenes Risiko mit einem Blog loslegen und über die Bands schreiben, die sie gerade begeistern. Andererseits darf man sich durchaus fragen, ob Listen wie “Die Top 100 Alben” , “Songs die dein Herz brechen werden” oder “Popstars, von denen du nie gewusst hast, dass sie berühmte Väter hatten” etwas in einer Musik-Zeitschrift zu suchen haben oder ob sie Zeichen für die Verzweiflung in der Musikpresse sind. Die Magazine werden sicherlich mit den Printausgaben weiterhin Geld verlieren - es sei denn, es setzt eine Retro-Bewegung ein, die die Schönheit von handgemachten, wertigen Magazinen wiederentdeckt, analog zur neuen Begeisterung für Vinyl.

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